Kieferorthopädische Frühbehandlung beugt späteren Fehlstellungen vor

20. Oktober 2021

Schon im ganz jungen Kindesalter werden die Weichen für ein gesundes Gebiss gestellt. Neben dem Erlernen einer guten Mundhygiene sind hierbei auch die wachsamen Augen der Eltern gefragt. Ihre Aufmerksamkeit und Fürsorge entscheiden auch darüber, ob sich die Zähne und Kiefer ihres Kindes richtig entwickeln oder womöglich therapeutischer Handlungsbedarf besteht.

Die Eltern unter uns kennen das, ständig wird sich Sorgen um den Nachwuchs gemacht. Ganz vorn dabei ist die körperliche Gesundheit des Sprösslings, schließlich soll dieser prächtig heranwachsen. Einen äußerst wichtigen Baustein zur bestmöglichen Entwicklung stellen hierbei die Früherkennungs-Untersuchungen beim Kinderarzt dar. Jedoch sind sie es längst nicht allein, die Eltern regelmäßig wahrnehmen sollten. Mindestens genauso wichtig ist der frühzeitige und vor allem etwas genauere Blick auf die Mundgesundheit und das sich entwickelnde Gebiss der Kleinen. 

Frühzeitiger Besuch beim Kieferorthopäden ist empfehlenswert

Eltern können ihre Kinder dabei unterstützen, indem sie diese schon in jungen Jahren nicht nur dem Allgemeinzahnarzt, sondern auch einem Fachzahnarzt für Kieferorthopädie vorstellen. Dieser kontrolliert die Entwicklung von Zähnen und Kiefern, prüft deren Funktion sowie harmonische Interaktion.  Genauso haben Zahnarzt und Kieferorthopäde einen Blick auf das Schluckmuster, die Zungenlage und die Aussprache des Kindes.

Etwa ab dem sechsten Monat sind die ersten von insgesamt 20 Milchzähnen im Mund erkennbar. Im Idealfall verläuft deren Durchbruch problemlos, bis im zarten Alter von 30 Monaten das Milchgebiss in der Regel komplett ist. Mit fünf bis sechs Jahren setzt dann der Zahnwechsel zum bleibenden Gebiss ein. 

BZgA Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Vorbeugende Kontrolle des Kindergebisses 

Schon während des sich entwickelnden Milchgebisses kann der Kieferorthopäde die Okklusion, also das Ineinander-Beißen von oberen und unteren Zähnen, sowie das Wachstum von Kiefern und Gesicht gut beurteilen. Er kann einschätzen, ob für den Durchbruch der bleibenden Zähne genügend Platz zur Verfügung steht oder mit Abweichungen bei der Entwicklung der Dentition (z.B. Eng- oder Schiefstände) zu rechnen ist. 

Nicht nur „Mutter Natur“ hat ihre Hände im Spiel

Eine frühzeitige Diagnose und erfolgreiche Behandlung einer sich entwickelnden unzureichenden Okklusion ist für die Entwicklung eines harmonischen, funktionalen sowie ästhetischen Gebisses von essentieller Bedeutung. Da Fehlbisslagen nicht nur erblich bedingt sind, geht es auch um myofunktionelle Aspekte, die u.a. wichtig für die korrekte wie breite Ausformung des Oberkiefers sind. „Die Zunge ist der Wachstumsmotor des Oberkiefers“, sagt der Kieferorthopäde. Die Kurzinterpretation könnte somit lauten: Liegt die Zunge im Ruhezustand nicht am Gaumen, wird der Kiefer nicht korrekt ausgebildet. Die Folge: Die Zähne haben zu wenig Platz, es entsteht ein Engstand. Die Lösung liegt sehr häufig -neben einer Verbreiterung durch Zahnapparaturen (z.B. mit einer Bio-Plate oder einer Gaumennatherweiterungsapparatur)- in einer Umstellung von Mund- auf Nasenatmung. Der Grund: Die physiologische Ruhelage unseres stärksten Muskels, der Zunge, lässt den Oberkiefer im Zusammenspiel mit dem kontinuierlichen, nasalen Luftstrom in die Breite wachsen.

Schlechte Angewohnheiten begünstigen Fehlentwicklungen

Offener Biss I Quelle: intern

So können z. B. auch ein zu langes Nutzen des Schnullers, Lutschgewohnheiten (Daumen, Finger) und das Einsaugen von Wangen oder Lippen, sogenannte Habits, Fehlentwicklungen des Gebisses hervorrufen. Aber auch das Zungenpressen, eine abnormale Zungenposition oder falsche Schluckmuster können je nach Dauer, Häufigkeit und Intensität zu Deformationen an Zähnen und Zahnhalteapparat führen.

Mundatmung als gefährlicher Risikofaktor 

Oft ist Eltern überhaupt nicht bewusst, welch negativen Auswirkungen die Mundatmung auf das Kiefer- und Gesichtswachstum sowie die physiologische Gesundheit ihrer Kinder haben kann. Unerkannt können daraus nicht nur schmale Gesichter mit engen Mündern sowie Zahn- und Kieferfehlstellungen resultieren. Auch Schlafstörungen (Apnoen) aufgrund blockierter Atemwege zählen zu den Folgen. So weisen Mundatmer gegenüber normal durch die Nase atmenden Menschen z. B. eine niedrigere Konzentration des für den Körper so wichtigen Sauerstoffs im Blut auf. 

So wird durch interdisziplinäre Konzepte zwischen Zahnarzt,  Kieferorthopäden und Logopäden oftmals ein klares Ziel definiert: Herstellen der MFT-Fähigkeit (=myofunktionelle Fähigkeiten) mit Nasenatmung und klarem Lippenschluss. 

Frühes Eingreifen lohnt sich

Auch wenn kieferorthopädische Behandlungen bei Kindern meist im späten Wechselgebiss sowie frühen bleibenden Gebiss durchgeführt werden, kann in manchen Fällen ein noch zeitigeres Eingreifen indiziert sein. So kann mithilfe einer kieferorthopädischen Frühbehandlung (ab 4. Lebensjahr) und geeigneten Therapiegeräten (z.B. konventionelle, weiche Trainer, Zungengitter, Mundvorhofplatte) bereits im Milchgebiss gezielt und wachstumsregulierend eingegriffen werden. Gepaart mit einer myofunktioneller Therapie ist diese Methodik mittlerweile ein großer Erfolgsfaktor in der aktuellen Kieferorthopädie, der sogar häufig eine feste Zahnspange zum späteren Zeitpunkt verhindert. Getreu dem Motto: Früh gehandelt, später keine Sorgen.

Auch die gesetzliche Krankenkasse (GKV) hat erkannt, wie wichtig eine Frühbehandlung zur Vermeidung späterer komplexer kieferorthopädischer Behandlungen ist. Deshalb beteiligt sich die GKV entsprechend der kieferorthopädischen Indikationseinstufung (KIG) an den Kosten. 

Präventives Lenken von Wachstum und Entwicklung des Gebisses

Von großem Vorteil erweist sich hierbei ein gemeinsames Agieren von Kieferorthopädie, Zahnheilkunde, Logopädie sowie Atemtherapie. Mithilfe eines begleitenden myofunktionellen Trainings können orale Angewohnheiten gezielt abgestellt, Fehlfunktionen und Störungen des stomatognathen Systems frühzeitig behoben sowie falsch erworbene Muster beim Sprechen, Schlucken oder Kauen korrigiert werden. Aufgrund der guten Umformbereitschaft der beteiligten Strukturen sind die regulierenden Maßnahmen hierbei nicht selten noch vor dem Zahnwechsel abgeschlossen. 

Was können die Eltern tun?

Damit sich die angestrebten Behandlungserfolge schnell einstellen, sind natürlich die Eltern gefragt. Frühzeitig die Kinder beim Kieferorthopäden vorstellen! Und geht es in eine Therapie: Erinnern, motivieren und eine riesige Portion Geduld haben. Wenn Mama und Papa gemeinsam mit ihrem Kind an einem Strang ziehen und dieses mit all ihrer Zuneigung unterstützen, dann klappt das auf jeden Fall!

Quellen:

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  • Das Gesundheitsportal medondo.health
  • www.mykie.de
  • Krey K-F, Bernhardt O, Daboul A, et al. Assoziation zwischen koronaler Karies und Zahn- und Kieferfehlstellungen. Ergebnisse einer bevölkerungsrepräsentativen Querschnittsstudie. Published online 2021.